Berichte von 02/2020

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Samstag, 29.02.2020

Und schon sitzen wir wieder im Bus, lassen Mthatha und sechs Tage Zwischenseminar hinter uns und kehren zurück zum Alltag. Ich schaue stundenlang aus dem Fenster und beobachte die vorbeiziehenden Xhosa Häuser.
Nach der Wanderung und unserer Ankunft im Coffee Shack Backpacker, sowie mehrerer Tassen Kaffee und endlich, endlich einer Dusche, ist das Seminar natürlich noch nicht zu Ende. So schön es war, keine Themen durchkauen zu müssen, sondern mit allen Leuten zu sprechen und manchmal eben auch zu schweigen, weil mein Körper mit steilen Anstiegen und rutschigen Felsen beschäftigt war, desto wichtiger ist es jetzt, die verbliebenen Tage zu nutzen und über Dinge zu sprechen.
In Gruppen und jeweils mit einem uns nicht betreuenden Mentor bekommen wir die Möglichkeit, Probleme oder einfach Themen anzusprechen, die uns belasten und mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden. Somit können alle Mithörenden Vorschläge einbringen, wir coachen uns beinahe selbst. Mir wird noch einmal bewusst, wie unterschiedlich unsere Jahre sind. Wir sind ein Jahr in Südafrika, haben zusammen begonnen und gehen gemeinsam wieder, aber was wir erleben unterscheidet sich so stark von einander, dass es auch verschiedene Länder sein könnten. Auch wie sehr wir uns alle bereits entwickelt haben und welche Veränderung die Umgebung in uns allen auslöst, wird mir noch deutlich bewusster. Obwohl ich die meisten dieser Menschen eine lange Zeit nicht gesehen habe, fällt es leicht, offen und ehrlich über Probleme zu reden, aber auch höre ich interessiert zu. Ich bin sehr dankbar, Teil einer solchen Gruppe sein zu dürfen, in der viel Akzeptanz und Offenheit, gleichzeitig aber eine einheitlich positive und optimistische Grundeinstellung herrscht. Und genau diese Grundeinstellung lässt uns den Fokus von unseren Problemen und Unannehmlichkeiten zu der positiven Seite wenden, ohne sie zu vergessen. Wir sind schon 6 Monate hier und es ist bei allen so viel passiert.
Wir reden viel über Nachhaltigkeit für unser eigenes Projekt, sowie die eigene Rolle des Freiwilligen. Am interessantesten ist für mich das interkulturelle Training. Eigentlich sind nicht besonders viele neue Informationen dabei, aber Verhaltensmustern in der menschlichen Interaktion mit einem theoretischen Begriff zu versehen und einfach Worte für das zu finden, was ich tagtäglich wahrnehme und sowohl zu schätzen weiß, als auch in Frage stelle, gibt mir das Gefühl, ein wenig besser verstehen zu können, wie eine Vielzahl der Menschen tickt. Betrachtet werden dabei beispielsweise der Universalismus und der Patikularismus, wobei der Universalismus eine Person beschreibt, deren Verhalten mit einem grundlegenden Glaube und Vertrauen an eine gesetzgebende Gleichberechtigung verbunden ist. Dieses Verhaltensmuster und die damit verbundenen Aktionen sind häufig bei Menschen zu finden, die in einem Rechtsstaat aufgewachsen sind, wie beispielsweise in Deutschland. Auf der anderen Seite gibt es den Patikularismus, bei dem eher die zwischenmenschliche Beziehung im Mittelpunkt steht. Dies impliziert auch, dass Regeln zwar allgemein geltend sind, aber in jeglichen Situationen die persönliche Ebene einbezogen werden muss. Dies ist eher bei Menschen aus dem globalen Süden anzutreffen. Natürlich ist dies kein allgemein gültiges Raster, sondern kann von Person zu Person unterschiedlich sein. Lediglich eine Tendenz ist festzustellen. Meiner Meinung nach tragen die Persönlichkeitstypen und wie diese geballt vorkommen, einen entscheidenden Teil zur gesellschaftlichen Struktur bei. Ich stelle mir häufig die Frage, was genau nun die bessere und gesündere Gesellschaft sei. So viele Dinge, die ich an der südafrikanischen Lebensweise zu schätzen weiß, wären in einer deutschen Gesellschaftsstruktur unvorstellbar und anders herum ist es ähnlich.
Das Thema interessiert mich so sehr, dass ich es für eine mögliche Zukunftsplanung in Betracht ziehe.
Die Frage, die uns alle aber viel mehr beschäftigt, ist eigentlich sehr einfach, bis wir uns sie alle bewusst stellen sollen: Was ist dein Ziel für die nächsten 6 Monate?
Solche Fragen haben mir schon immer Spaß gemacht und es ist wirklich gut sich diese Frage zu stellen, allein wäre ich da gar nicht drauf gekommen. Welche Antwort ich für mich gefunden habe, werde ich hier nicht schreiben, es ist sehr persönlich. Somit komme ich mir selbst wieder ein Stück näher.
Obwohl ich in 6 Tagen Zwischenseminar kein einziges Mal allein bin, habe ich ganz neue Seiten an mir kennen gelernt. Und vor allem weiß ich jeden einzelnen unserer Gruppe so sehr zu schätzen. Diese Woche ist zweifellos eine der schönsten Erlebnisse in meinem bisher noch recht kurzen Leben gewesen.
Danke, Leute❤

 

Von Bulungula nach Coffee Bay

Samstag, 29.02.2020

Das Zwischenseminar steht an und somit geht es an einem warmen Samstagnachmittag los in Richtung Eastern Cape, eine bisher von mir unbereiste Provinz. Ich kann es noch gar nicht fassen, dass schon Halbzeit sein soll, freue mich aber auf eine Auszeit und vor allem darauf, meine Mitfreiwilligen alle versammelt wieder zu sehen.

Sonntag.
Nach 14 Stunden Busfahrt kommen wir endlich im Mthatha im Eastern Cape an. Geschlafen hat von uns keiner. Es sieht alles sehr verlassen und verschlafen aus und ehrlich gesagt fühlen wir uns in unserer Gruppe von 7 Freiwilligen aus Gauteng, voll bepackt und verschlafen, gar nicht mal so sicher. Es ist auch erst 6 30 Uhr, aber wir haben so einiges vor. Nach ein paar Komplikationen und einem kleinen Fußmarsch unsererseits, weg vom eigentlichen Treffpunkt und Richtung Innenstadt, die auch nicht besonders sicher wirkt, haben wir Glück und werden von einer unserer Kontaktpersonen entdeckt. Wir müssen sehr verloren aussehen, 7 Weiße am frühen Morgen in einer Kleinstadt, niemand kennt den Weg, alle haben Hunger und wir sprechen auch die Sprache nicht. Schließlich sitzen wir jedoch im Minibus, unsere Fahrer haben uns aufgesammelt. Ausgegangen wird von einer Autofahrt von etwa 1.5 Stunden, letzendlich sind es 6.
Im Rahmen des Zwischenseminars steht eine Wanderung entlang der Wild Coast an und Ausgangspunkt dieser Wanderung, und auch Treffpunkt der gesamten Gruppe Freiwilliger, ist die Bulungula Lodge. Doch der Weg dahin ist steinig ;) Tatsächlich sind die Straßen in keinem guten Zustand, eigentlich verdienen sie den Namen “Straße” gar nicht. Es sind vielmehr Feldwege. Jedoch müssen wir irgendwie zur Lodge kommen und laufen würde mich und meine viel zu empfindliche Haut in der Hitze erstens umbringen und zweitens wäre es viel zu weit. Der Weg ist ein Abenteuer an sich. Unterwegs fällt ein platter Reifen auf, dessen Wechsel zu einer Verzögerung führt. Später wird klar, dass nicht nur ein Reifen platt ist. Trotzdem fahren wir durch Gräben, bei denen ich jedes Mal Angst habe, dass das Auto stecken bleibt. Am besten ist eine Brücke ohne Geländer, die mit einer riesigen Pfütze bedeckt ist. Unterwegs werden noch ein paar Drinks aufgetrieben und nach 1 bis 18 Bier kommen wir (gut gelaunt) in Bulungula an.

Montag.
Am späten Abend sind die Anderen, nach ähnlicher Anreise wie unserer, doch noch eingetroffen, die Wiedersehensfreude ist groß. Am Lagerfeuer werden Geschichten erzählt und die Location bestaunt, in der wir uns hier befinden. Die Bulungula Lodge ist zweifelsohne an einem der paradiesischsten Orte überhaupt. Zudem ist die Lodge komplett nach lokaler Kultur gerichtet. Das besondere ist, dass die Lodge auch Eigentum des Nqileni Dorfes ist, einer Xhosa-Community. Somit ist die Lodge nach dem kulturellen Leben gerichtet und die Community mit eingebunden, was zu einem Interesse der Community am Erhalt der Lodge führt, da die Xhosa Menschen auch in der Lodge arbeiten. Vom traditionellen Essen bis angebotenem Pferdereiten am nicht einmal 100 Meter entfernten Strand, die Community trägt dazu bei. Außerdem ist die Lodge recht autark, Solarenergie für Strom, Wasserbezug aus einer eigenen Quelle, “Rocket"-Hot-Water Showers und sogar umweltfreundliche Toiletten, die das Kompostieren erleichtern. Und all das, eingebunden in die lokale Community und Traditionen der Xhosa. Das Volk der Xhosa lebt, zwar mittlerweile verteilt, aber dennoch größtenteils im Eastern Cape in eigenen, teils abgeschiedenen Siedlungen, welche eine enorme Ausdehnung haben. Dies haben wir bereits bei unserer waghalsigen Fahrt zur Bulungula Lodge gesehen. Die Siedlungen werden von Personen aus ihrem Kreis verwaltet, wobei es auch sogenannte Chiefs gibt, die bis zu vierzig Siedlungen verwalten und damit ein enormes Gebiet abdecken. Durch Zuschüsse von der Regierung, konnte in den Siedlungen eine Strom- und Wasserversorgung etabliert werden, jedoch trifft dies nicht auf alle zu und ist längst nicht ausreichend. Somit sind viele Siedlungen von Unterstützung durch die Regierung vollkommen abgeschnitten.
Die Landschaft ist gezeichnet mit den traditionellen Häusern, einstöckige Rundbauten mit spitzen Strohdächern, häufig bunt bemalt. In solchen Häusern sind wir für zwei Nächte untergebracht und ich glaube, ich habe noch nie so gut geschlafen.


Jetzt, wo alle da sind, kann das Seminar beginnen. In einer Laube im Garten stellt jeder sein Projekt vor und bewertet Aspekte wie das eigene Sozialleben, die Arbeitsbedingungen und die Unterkunft. Auffällig ist dabei, dass wir alle sehr optimistisch an die jeweiligen Situationen heran gehen, obwohl bei einigen auch Probleme auftauchen. Es ist sehr schön, endlich einmal ausführlich über jedes Projekt zu erfahren und ich bin noch einmal bestärkt und froh darüber, in Gauteng und bei Makgatho gelandet zu sein. In den Pausen gehen wir schwimmen im Meer, liegen in der Hängematte oder chillen in der Laube, die meiner Meinung nach aussieht, wie eine Meditationsoase. Oder eben ein Ort für Stammesversammlungen. Unser seminarleitende Mentor Jonas nimmt auch gern Platz auf einer Art Thron, aber allzu ernst geht es nicht zu. Es ist eine entspannte Runde, wir reen über relevante Themen, aber keiner wird für 5 Minuten zu spät kommen bestraft und ich weiß schon gar nicht mehr, wann ich die Jogginghose das letzte Mal ausgezogen habe. Zu essen gibt es vor allem das Xhosa Brot, ein gedampftes Brot. Das wird uns die kommenden Tage noch öfter begleiten.

Dienstag.
Endlich brechen wir auf. So schwer es auch fällt, die Bulungula Lodge wieder zu verlassen, desto mehr freue ich mich aber auf die kommenden Tage. Der Plan ist, von Bulungula aus in drei Etappen bis zur Coffee Bay zu laufen und unterwegs in Dörfern unter zu kommen. Entlang geht es an der Küste, rauf und runter, die ganze Zeit. Häufig stelle ich mir die Frage, ob wir überhaupt auf einem Weg sind, aber unser Guide ist zuversichtlich. Er ist in Badelatschen unterwegs, und ich ärgere mich keine Wanderschuhe zu haben. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mir die Strecke einiges abverlangt. Der rapide Wechsel zwischen steilem Anstieg und ebenso starkem Abfall, gepaart mit glitschigen Steinen und Strandwalks ist sehr anstrengend. Und ebenso belebend. Einen Teil der Strecke laufe ich barfuß, klettere über Steine und stapfe durch das hohe Gras. An der Küste gibt es sehr viele Kühe, auf die wir immer wieder treffen. Auch ein Hund schließt sich uns an, er wird uns bis nach Coffee Bay begleiten. Zu der körperlichen Anstrengung kommt ein Mangel an Proviant und eine 0.75 Liter Flasche Wasser. Mehr braucht man ja auch nicht. Nach, nicht wie geplanten 4 Stunden, sondern 8 Stunden treffen wir erschöpft und glücklich im ersten Dorf ein. Es ist schon beinahe dunkel. Nach einer kalten Dusche sitzen wir am Lagerfeuer und essen Xhosa Brot und gegrillten Mais. Unsere Handys sind nach und nach ausgegangen, Strom gibt es keinen. Über uns ist der klarste Sternenhimmel, den ich je gesehen habe. Sogar die Milchstraße sehe ich. Einige von uns schlafen unter freiem Himmel, ich schlafe am Feuer ein.


Mittwoch.
Neuer Tag, neue Wanderung. Heute wird unser Gepäck gefahren, was eine extreme Entlastung ist. Gestern mussten wir an einer Stelle anhalten, weil wir durch Zeitverzögerung die Flut erwischt hatten. Wenn die jemand sagt, dass du jetzt deinen Rucksack auf den Kopf nimmst und durch ein brusthohes Wasser waten musst, schluckst du erstmal. Und dann läufst du halt los, denn Umkehren ist halt keine Option. Ein wenig Sorgen mache ich mir um mein Handy, Pass, Kreditkarte, die ich in einem schweren Rucksack mit Gepäck für eine Woche auf meinem Kopf balanciere, während mich eine Welle von der Seite trifft. Wir haben ein Strahlen im Gesicht. Ich war noch nie so lebendig.

Ohne Gepäck folgt nun der zweite Weg, kürzer an sich, jedoch mehr Berge, mehr Ups and Downs. Diesmal haben wir aber einige Punkte zum Anlaufen. Das erste Ziel ist das "Hole in the Wall", ein naturgeschaffenes Loch in einer Felswand, von dessen Klippen Einige in das tosende Wasser springen. Ich traue mir das nicht, habe auch schon wieder Sonnenbrand und bin körperlich sehr gefordert. Am Hole in the Wall verletze ich mir auch mein Knie. Das merke ich aber erst am Abend, nach weiteren 6 Stunden Wanderung. So anstrengend es auch ist, wenn ich über einem Wasserfall stehe, der unter mir tosend in die Tiefe stürzt, dann hat sich alle Anstrengung gelohnt. Die Wild Coast ist ein magischer, wunderschöner Ort. Ich sauge alles auf, habe das Gefühl besser atmen zu können. Im zweiten Xhosa Dorf ist das Wasser ausgefallen. 15 Leute schlafen in einer Hütte von 25 Quadratmetern. Ich bin Teil davon. Niemand kann duschen, aber Bier kann man überall auftreiben. Am Mittwochabend gewittert es über den Hügeln und regnet in Strömen. Es gibt Xhosa Brot.

Donnerstag.
Es ist nicht mehr weit, doch da es letzte Nacht so viel geregnet hat, brauchen wir noch einmal 2 Stunden bis wir in Coffee Bay ankommen. Über Flüsse, durch Pfützen. Schlammverschmiert und nass kommen wir schließlich in Coffee Shack an, dem Backpacker in der Coffee Bay, auf den wir uns seit Tagen freuen. Auch auf das Essen, denn mein Bauch macht mir nach all dem Xhosa Brot ein paar Probleme. Zu Coffee Shack fällt mir nur ein Wort ein: Paradies. Es ist so unbezahlbar, im Freien zu sitzen, unter einem Strohdach, umgeben von Hängematten und Pflanzen des tropischen Regenwaldes. Der Backpacker ist zu dem sehr international, wie treffen auf andere Deutsche, Engländer, Franzosen. Hier verbringen wir die letzten zwei Seminartage, spielen Pool Billard, Gespräche über unser Leben in Südafrika. 25 junge Menschen, die für ein Jahr dasselbe fühlen. Nach drei Tagen im Backpacker sind wir bereits Teil der Familie, man kennt meinen Namen beim Essen. Und an der Bar;) Wir versprechen wieder zu kommen. Jetzt sitze ich im Bus, in 2 Stunden steige ich in Pretoria wieder aus. Ich lächel noch immer.

Junge Menschen und meine Zukunft

Montag, 17.02.2020

Obwohl ich jeden Tag hier genieße und meinen Platz gefunden habe, sind meine Tage in Südafrika zunächst einmal gezählt. Am 3. September 2020 geht mein Flug zurück nach Hause und somit wird ein weiterer Lebensabschnitt starten. Das wird auf keinen Fall mein letzter Aufenthalt in Südafrika gewesen sein. Und dennoch muss ich mich damit auseinander setzen, was passiert, wenn ich in Deutschland lande und weit weg von meinem zweiten Zuhause bin.
Ich war nie eine Person, die gerne und frühzeitig plant. Erst recht nicht, wenn es um Entscheidungen geht. Um ein wenig Inspiration und vielleicht auch neue Motivation zu schöpfen, haben wir uns die Universität in Pretoria mal angeschaut. Ein Ausflug, der schon länger geplant war. Und sich definitiv gelohnt hat.
Die Universität ist ein riesiger Komplex im Stadtteil "Hatfield", so viel größer als beispielsweise die Universität in Leipzig, für die ich mich lange interessiert habe. Verteilt auf sieben Orte in und um Pretoria, spezialisieren sich die einzelnen Fakultäten auf unterschiedliche Bereiche. Der Hatfield Campus ist der größte und beherbergt die naturwissenschaftliche Fakultät.
Ich kann wirklich nur sagen, dass die Uni sehr schön und gut ausgestattet ist. Der eigentliche Punkt dabei ist jedoch, dass ich bis dahin nicht ernsthaft darüber nachgedacht hatte, überhaupt im Ausland zu studieren. Ein Auslandssemester schon, aber hauptsächlich im Ausland? Und vielleicht sogar in Südafrika? Es scheint ein riesiger Schritt zu sein, aber zeigt eigentlich nur, wie weit die Welt ist und welche Möglichkeiten existieren. Wir können alles tun, was wir wollen und vor allem wo auch immer wir hinmöchten.

Zwei Stunden auf dem Campus reichen, um eine weitere Seite von Südafrika und Pretoria zu entdecken. So viele junge Menschen, alle verbunden durch ihren Drang nach Bildung. Die Uni ist sehr international und unterscheidet sich nicht von einem europäischen Campus. Und diese multikulturelle Umgebung und das Beobachten all der Studenten, die dort täglich ein und aus gehen, lässt mich ganz viel Vorfreude verspüren. Wie bereits gesagt, drücke ich mich gern vor anstehenden Entscheidungen. Aber Zukunftsplanung, gegebenfalls Studienwahl und Beschäftigung mit meinen Interessen, ist neben all den Erfahrungen, die ich hier sammle, eben auch eine Aufgabe, um nach dem Jahr nicht perspektivlos zu sein. Bis jetzt hat mir die Frage nach explizit meiner Zukunft sehr gestresst, aber jetzt freue ich mich sogar darauf, einer Antwort Stück für Stück näher zu kommen und somit auch einen Teil von mir noch besser kennen zu lernen.

Der Besuch der Universität beschäftigt mich allerdings nicht nur wegen meiner eigenen Zukunft. Vor allem zeigt es mir eine neue Seite von Südafrika und wie nah diese nebeneinander existieren. Wir sind nur 19 Jahre alt und haben die Möglichkeit mit lauter Musik in unserem Mietwagen zu fahren, wohin wir wollen, die multikulturelle Hochburg der Bildung zu erkunden und uns schließlich irgenwann zu entscheiden auf welchem Kontinent, in welchem Land, in welcher Sprache, in welchem Fach wir uns weiterbilden wollen. Aber trotzdem fahren wir wieder durch die Innenstadt und zurück nach Atteridgeville. Mir fallen zum ersten Mal die Wellblechhütten am Straßenrand auf. Nicht wirklich zum ersten Mal, aber jetzt wir es mir noch bewusster, dass dort Menschen leben, die eben solche Möglichkeiten nicht haben und auch niemals haben werden. Es ist alles so nah beieinander und dennoch könnte der Unterschied nicht gravierender sein. Und mittendrin die Universität, deren Innenleben allein von einen Riesenunterschied zu der Straße davor darstellt.

Bis bald.

Von Löwen und Bergen

Sonntag, 16.02.2020

Dann mieten wir halt mal ein Auto für 3 Wochen und unternehmen ganz viel. Nicht ganz. Bei viel Arbeit, täglichem (geplantem) Fitnessstudiobesuch, definitiv Koffeinmissbrauch und nochmal viel Arbeit, gar nicht mal so einfach. Wir hatten geplant jedes Wochenende weiter weg zu fahren, Atteridgeville zu erkunden, Abends wegzugehen und Pretoria unsicher zu machen. Geschafft haben wir ein Wochenende in Johannesburg und einen Wochenendsausflug, der war aber dafür umso schöner. Zunächst haben wir unsere Freunde aus Atteridgeville auf dem Weg in Sandton abgesetzt, da ihr Zwischenseminar bereits diese Woche stattfindet. Am Samstag haben wir sie direkt wieder abgeholt, denn Safari gibt es nie genug. Ich könnte stundenlang einfach nur in die Wildnis starren, nach wilden Tieren Ausschau halten. Man ist die ganze Zeit beschäftigt und konzentriert, obwohl wir ja eigentlich nur im Auto sitzen. Diesmal ging es in den Lion’s and Safari Park. Tatsächlich bin ich dort schon auf meinen Weg in den Pilanesberg Nationalpark vorbei gekommen. Aber diesmal ging es wirklich rein.
Der Löwenpark beherbergt weiße und braune Löwen, Hyänen, Wildhunde und Giraffen. Sicherlich auch noch weitere pflanzenfressende Tiere, die uns jedoch verborgen blieben. Das Highlight waren aber ohnehin die Löwen. Ich muss schon sagen, dass der Löwe nach meiner König – der – Löwen – geprägten Kindheit wahrscheinlich schon immer mein Lieblingstier war, aber jetzt ist mir erst klar geworden, wie schön diese Tiere sind. Den Respekt und die natürliche Schönheit, die dieses Tier ausstrahlt ist mit nichts vergleichbar. Genau wie das Gefühl, wenn dieses große mächtige Tier zwei Meter vor deinem Auto gemütlich entlang stolziert oder dir direkt in die Augen sieht. Zwar durch durch die Frontscheibe, aber diese Gänsehaut hat gute 5 Minuten angehalten.
Der Park ist kein üblicher Nationalpark, sondern verfügt über einzelne gehegeartige Bereiche, getrennt durch Gates, fast wie in einem Zoo, nur größer und eben nicht durch dicke Glasscheiben und Elektrozäune vom Besucher getrennt, sondern nur durch deine eigene Autotür. An allen Gates sind eindrückliche Warnungen, die Türen und Fenster stets geschlossen und verriegelt zu halten, eine Regel die unbedingt von uns gebrochen werden muss. Nur wegen der Fotoqualität, denn durch die Scheibe zu fotografieren macht ja gar keinen Spaß.
Im nächsten Bereich hat das nächste Abenteuer gewartet. Peter, eine von uns getaufte Giraffe, die sich für gute 10 Minuten von nichts und niemandem aus der Ruhe bringen ließ und gemütlich im eigenen Schritttempo ihren Weg fortsetzte. Vor unserem Auto. Da ich ein geduldiger und zuvorkommender Fahrer bin, habe ich selbstverständlich keine waghalsigen Überholmanöver versucht, bis ein Ranger uns schließlich das Signal zum Weiterfahren gegeben hat und ich Peter mit einem Seitenbstand von maximal 15 cm überholt und hinter uns gelassen habe. Ich hätte nur die Hand ausstrecken müssen.

Wie groß diese Tiere sind, hat mich so sehr erstaunt, obwohl ich dies eigentlich weiß. Aber wenn neben deiner Autoscheibe nur Bein zu sehen ist, überdenkst du das nochmal. Diese Tiere sind wirklich groß. Und wunderschön. Ich bin immer wieder aufs neue fasziniert, was die Natur hervorbringt. Überhaupt muss ich sagen, dass ich erst in Südafrika wieder zu schätzen lerne, wie schön die Natur ist, die mich umgibt ich mich auch viel mehr entspanne und dies genießen kann. Obwohl ich nicht in einer Stadt aufgewachsen bin. Wir haben Peter bald wieder verlassen und sind zurück nach Johannesburg gefahren. Doch am Sonntag ging es wieder los, leider ein wenig später als erwartet.
Geplant war ein Campingwochenende mit Wanderung, doch da uns die essentielle Sache für da Campen leider fehlt, ein intaktes Zelt für 5 Personen, mussten wir uns mit der Wanderung zufrieden geben. Was heißt eigentlich zufrieden geben? Es war wunderschön. Wir sind gegen 14 00 Uhr in Magaliesburg angekommen. Ich hatte es mir als Kleinstadt vorgestellt, doch wir waren etwas außerhalb, im Rustig Nationalpark. Wieder einmal bin ich einfach nur froh, dass unsere Autoreifen danach noch intakt sind, diese Menge an Schlaglöchern ist einfach nicht gesund, für kein Auto der Welt und es ist ja auch nicht so, als hätten wir einen geeigneten Geländewagen gemietet. Einen kleinen Suzuki haben wir und zum Glück lebt er noch. Mit unserer Ankunft gegen 14 00 Uhr waren die Hiking Trails seit 2 Stunden geschlossen. Aber zu unserem Glück wurde dies nicht so ernst genommen und wir durften noch eine Wanderung beginnen mit dem Versprechen, bis 16 00 Uhr zurück zu sein. Kein Problem für uns.
Ich würde sagen, dass ich wirklich viel mit meiner Familie in Deutschland, Österreich und auf Korsika wandern war. Aber einen solchen Wanderweg bin ich noch nie gegangen. Es gibt Leitern, mit denen Stromzäune überwunden werden müssen. Ich glaube nicht, dass dort tatsächlich Strom fließt aber ausprobiert habe ich das lieber nicht. Diese Leitern sind übrigens auf Wiesen, Felsen, im Dickicht. Krumm und trotzdem sehr stabil. Der Wanderweg war nur 5 km lang und wir hatten knappe 2 Stunden Zeit.

Allerdings ging es auch up and down, steile Anstiege und gefühlt schon rutschenähnliche Abstiege. Wir haben den Weg mehr als nur einmal verloren und spontan wieder gefunden. Müde und kaputt, verschwitzt und hungrig und mit einem Lächeln im Gesicht sind wir mit 15 Minuten Verspätung wieder beim Ausgangspunkt angekommen. Meine Beine haben gezittert und obwohl der Park schon geschlossen hatte, durften wir noch in den Pool springen. Mit Klamotten ins Wasser und dann ab nach Hause. Ein breites Grinsen auf den Lippen und en Fahrtwind im Gesicht.

Gute Nacht.