Übersichtskarte

Coronaquarantäne

Freitag, 27.03.2020

Nun bin ich zurück in Deutschland. Zurück in Deutschland. Familie wieder umarmen, wieder im eigenen Bett schlafen und den vertrauten Geruch des Waschmittels einatmen. Nur leider 5 Monate zu früh.

Zunächst einmal, nein, ich muss nicht in Quarantäne. Am Flughafen wurden keinerlei gesundheitliche Tests durchgeführt (ich weise eindeutig noch Grippesymptome auf (nicht Coronatypisch) und die viel zu kalte Klimaanlage auf einem 11 Stunden Flug hat mir echt den Rest gegeben). Obwohl ich mich im Berliner Flughafen aufgehalten habe und Berlin dank Ausgangssperre als Risikogebiet gilt, hat der Landkreis, in dem ich wohne, noch keine ausdrückliche Quarantäne für internationale Reisende angeordnet. Zum Glück, denn 24 Stunden eingesperrt zu sein, könnte ich mit all dem Wirrwarr und dem Auf und Ab der Dinge, die ich gerade fühle und denke, wirklich nur schwer aushalten. Obwohl natürlich auch das verständlich wäre. So kann ich wenigstens Spazieren gehen, in Gruppen, die nicht größer sind als zwei Personen. 

Es wäre eine Lüge zu sagen, dass ich nicht hier sein möchte. In der Zeit der Corona-Epidemie möchte jeder von seinen Liebsten umgeben sein. Wäre ich in Südafrika, meinem zweiten Zuhause, dann würde ich wahrscheinlich so viel wie nur möglich mit meiner Familie in Deutschland telefonieren. Nun bin ich hier und versuche den Kontakt zu meiner südafrikanischen Familie aufrecht zu erhalten, die sich seit Donnerstag Abend in einer 21-tägigen Quarantäne befinden. Zum Schutz aller und um das weitere Ausbreiten des Virus so gut wie möglich einzudämmen, hat der Präsident ein Lock Down des gesamten Landes beschlossen, was für 21 Tage gilt und ab dem 26.03.2020 um 24 00 Uhr in Kraft getreten ist. Geöffnet sind ausschließlich Supermärkte, medizinische Anlaufpunkte. Leider kann eine solche Maßnahme in einem Land wie Südafrika nicht so gut durchgesetzt werden, wie in einem Land wie Deutschland. 

Viele Südafrikaner leben, vor allem in den Townships, mit ihren Mitmenschen auf sehr engem Raum, was das Ansteckungsrisiko begünstigt. Oder eben in den Shacks, Wellblechhütten, wo sie keinen Zugang zu ausgeichend Wasser, Strom und erst recht nicht außreichend hygienischer Umgebung haben. Der Präsident hat ausdrücklich gesagt, dass es eine Lösung für die Vielzahl an Obdachlosen geben soll. Ich weiß nur nicht, wie eine solche aussehen soll. Zudem verdienen sehr viele Menschen ihren Lebensunterhalt damit, Waren in den Straßen zu verkaufen und sind darauf angewiesen, jeden Tag dort zu sein, da sie sonst nicht einmal genug zu essen für ihre Familien kaufen können. Und dann ist da schließlich noch das Gesundheitssystem, was einer Pandemie wie dieser nicht gewachsen ist und auch ohne das Virus den Umständen in den Townhships kaum standhält. Bisher wurden mehr als 700 Menschen positiv auf das Virus getestet und die Zahlen steigen weiter an. Damit ist Südafrika das Land auf dem afrikanischen Kontinent, mit den meisten Betroffenen. Die positiv getesteten Menschen hatten sich zuvor in Risikogebieten aufgehalten. Wie hoch die Zahl der bereits Infizierten jedoch tatsächlich ist, ann nur geschätzt werden, da eine systematische Untersuchung in den Townships, die Kapazitäten des Gesundheitssystems sprengen würde. Somit ist auch Selbstisolation oder Quarantäne für viele Menschen in den Townships nicht möglich, beziehungsweise bei Infektion nicht ausreichend. Nachdem das Virus in tropischem Klima zunächst nicht überlebensfähig schien und Südafrika das Leiden anderer Länder noch nur durch die Medien wahrnahm, hat Corona nun auch Südafrikafest in der Hand, mit verheerenden Folgen für dieses Land.  

Wie es mir geht? Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Ich mache mir viele Sorgen um dieses wunderschöne Land, welches ich gerade verlassen habe, um meine Gastfamilie, meine Freunde, die vielen Kinder in der Schule, von denen ich mich nicht einmal verabschieden konnte. Viele von ihnen sind auch auf die sogenannten ''Feeding-programs'' der Schulen angewiesen, die ihnen zumindest eine (warme) Mahlzeit am Tag liefern. Was passiert jetzt mit ihnen, wenn sie 21 Tage das Haus nicht verlassen können, ihre Eltern nicht einmal ein wenig Obst in der Straße verkaufen können und kein Essen auf den Tisch kommt.

Es wird wieder einmal klar, dass man sich einfach nur glücklich schätzen kann, ZUFÄLLIG in Deutschland geboren zu sein, wo es ÜBERHAUPT keine Frage ist, genug Essen für 21 Tage oder ÜBERHAUPT zu haben, geschweige denn unzureichende medizinische Versorgung zu bekommen. Es ist ÜBERHAUPT KEINE FRAGE. Ich bin dafür sehr dankbar. Und gleichzeitig auch unendlich trauriig über die unfaire Verteilung und Einteilung und Strukturierung der Welt. Ich dneke an alle, denen es nicht so selbstverständlich gut geht, wie mir. 

Vielleicht ist es für das Ankommen ganz gut, dass ich nicht nach Draußen gehe und dort all die Menschen treffe, die man nur so halb vom Sehen kennt. Warum bist du schon wieder da? Warum hast du dir die Haare abgeschnitten? Wie ist denn Afrika? Ich hätte gerade keine Kraft für das Beantworten dieser Fragen. Denn Fortgehen ist ja so schwer, aber Wiederkommen ist schlimmer. Ich habe das Gefühl, ich wäre nie weg gewesen. Alles sieht noch so gleich aus. Ich weiß, wo alles steht, kenne jeden Weg im Schlaf. Aber das stimmt eben nicht. Ich sehe es, wie mein Bruder innerhalb der letzten 7 Monate gewachsen und wie meine Familie mich fragend anschut, wenn ich Worte verwene, die sie nicht kennen, oder manche Dinge anders mache. Es wird noch lange dauern, bis ich mich hier wieder anpasse, momentan befinde ich mich in einer Art Schockstarre. Ich bin nicht traurig, nicht glücklich, ich fühle einfach nur recht wenig. 

Trotz alledem versuche ich optimistisch zu bleiben, so gut es eben geht und das Beste aus der Situation zu machen. Ich hoffe nur, dass es euch allen und euren Familien gut geht. Bleibt gesund und vorallem BLEIBT ZUHAUSE. In diesem Sinne bis bald und auf eine baldige Besserung für alle Betroffenen und an alle Länder, in denen die medizinische und gesellschaftliche Situation nicht so gut abgesichert ist, wie in Deutschland.

Liebe nach Südafrika, mein Zuhause, meine Gedanken und mein Herz sind bei euch.

 

Ich werde hier trotztdem noch weiterhin Blogeinträge hochladen, um einfach die Umstände verarbeiten und darüber informieren zu können. Und vor allem lebe ich von all den Bildern, also schaut auch da vorbei.

Der zu schnelle perfekte Abschied

Donnerstag, 19.03.2020

Nicht zu fassen, wie schnell alles ging. Die letzten Tage waren so lang, emotional und bittersüß.

Heute ist der letzte Arbeitstag. Erstmal ein letztes Mal morgens Johanna abholen, verschlafen ein Taxi rufen und froh, sein dass man diesen Berg nicht hochlaufen muss. In eine Mappe eintragen, den Schlüssel abholen und in das eigene Office setzen, mit dem morgendlichen Kaffee und 60 Tablets, die alle noch geladen werden müssen, bevor all die Kinder mit ihren Stimmen die Library füllen. Von den Kindern konnten wir uns leider gar nicht verabschieden, nur unsere Soul Buddyz wissen von der Möglichkeit, dass wir fahren. Wir haben uns die Zeit genommen, mit ihnen gemeinsam über Corona zu reden, sodass sie ihre Fragen loswerden und ihre Ängste teilen konnten. Dass es in Deutschland derzeit soviel schlechter aussah, hat alle sehr erschreckt und die bestehende Möglichkeit, dass wir eventuell zurück müssten, noch viel mehr. Allerdings war dies auch der letzte Schultag und für unsere (wahrscheinlich) letzte Soul Buddyz Lesson hatten wir uns etwas besonderes für die Kinder überlegt. Eine stattliche Menge an Süßigkeiten hatten wir bereits am letzten Freitag und diese sollten sie nun bei kleinen Spielen gewinnen können. Staffelähnliche Spiele, bei denen sie sich richtig auspowern können und am Ende jeder eine Belohnung bekommt, wir sind schließlich alle Gewinner;)

 

Demnach war der Abschied von der Seite unserer Soul Buddyz nicht so emotional, wie er eigentlich gewesen wäre. Ich werde jedes einzelne dieser Kinder so sehr vermissen, sie sind so wunderbare Menschen, die mir viel beigebracht haben.

10 Minuten, nachdem alle Kinder die Schule verlassen hatten, wussten wir dann mit Sicherheit, dass wir fliegen müssen. Nachdem wir nun wissen, dass wir Makgatho sehr viel früher als gedacht verlassen, konzentrieren wir uns auf das Thema Nachhaltigkeit. Nach uns wird es weitere Freiwillige geben, die das Projekt ein halbes Jahr später so vorfinden, wie wir es hinterlassen haben. Also investiert man nochmal 8 Stunden und schreibt und 15-seitiges Library-Handover, was alle Probleme, sowie Tricks und Tipps beinhaltet, die wir uns angeeignet und vielleicht selbst gern gewusst hätten. Mir ist das Projekt sehr wichtig, Johanna und ich haben viel  Kraft und Zeit in die Planung gesteckt und das Mindeste, was wir jetzt noch tun konnten war, eine möglichst gute Erklärung zu hinterlassen, die den neuen Freiwilligen erklärt, wie das Computersystem funktioniert und was Soul Buddyz eigentlich ist. Außerdem haben wir noch Briefe an die Koordinatoren geschrieben, mit denen wir eng zusammen gearbeitet haben. Wir haben versucht zu erklären, was wir in den letzten 6 Monaten gemacht haben, was sich verändert oder verbessert hat und was wir noch vorhatten. Gerade zu Soul Buddyz hatten wir ganz besonders viel zu sagen, wir hatten schließlich im Dezember eine Art Lehrplan für das gesamte Schuljahr geschrieben mit Themen, die wir abarbeiten wollten. Beim Durchgehen durch all die von uns erstellten Materialien und Arbeitsblätter, ist mir klar geworden, wie stolz ich auf das bin, was hier passiert ist. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass wir angekommen sind und einen Teil zur Schule und auch der Entwicklung der Kinder beitragen können. Ich habe hier selbst so viel gelernt und entdeckt, dass ich diese Arbeit gut kann und sie mir auch Spaß macht.

In unseren Briefen haben wir uns natürlich auch für all die Unterstützung und Hilfe bedankt, vor allem ich habe da so viel zu sagen, da ich ganz zu Beginn so verloren ohne meinen Mitfreiwilligen war und bestimmt eher eine Last, als Hilfe, war. Geplant war, uns vom gesamten Kollegium mit Übergabe der Briefe, sowie ausgedruckter Fotos und selbstgebackenem Kuchen, bei einem Meeting zu verabschieden. Das Meeting gab es auch, nur anders als von uns erwartet. 

Eine Lehrerin hatte uns ins Office gebeten und uns ein Kleid für Johanna und eine Hose mit Bluse für mich in die Hand gedrückt. Traditionelle Sepedi-Klamotten. Ich war mehr als überfordert von dieser Geste, doch damit war es noch nicht getan. Bei Makgatho wird, immer wenn jemand geht, ein Geschenk überreicht und ein paar liebe Worte gesagt. Tatsächlich wurden nicht nur Johanna und ich verabschiedet, noch zwei andere Mitarbeiter verlassen mit uns die Schule. Es war sehr emotional, Worte werden schluchzend herausgepresst und dir wird klar, dass du eben doch zu einer Familie gehörst, auch wenn du aus einem anderen Land kommst und die Menschen, mit denen du gearbeitet hast, dir das erst zum Ende richtig zeigen.

Ich kann an dieser Stelle nur DANKE sagen (die Personen werden meinen Blog niemals lesen, geschweige denn verstehen, aber ein paar Namen müssen hier jetzt genannt werden)

Danke, an Mam Dlamini und Violin, die wohl herzlichsten Menschen der Welt.

Danke, an Mam Matlala, unsere Library-Mama, die super viel Geduld mit uns hatte und mir immer wieder erklärt hat, wie ich bei 60 Kindern in einem Raum die Kontrolle behalte.

Danke, an Andile und Tebogo, die mit uns die Pausen verbracht haben und mit denen wir so viel gelacht haben, wenn Johanna und ich versucht haben, Sepedi zu sprechen.

Danke, an Jane, unsere Chefin, die vielleicht ein wenig Ärger mit uns hatte, aber immer offen für unsere Ideen war und uns das erst ermöglicht hat.

Und Danke an Mpumi, die uns früh immer Kaffee gemacht hat, ohne dich hätte ich wahrscheinlich nicht überlebt♥

Number ONE

Montag, 16.03.2020

Seit Wochen liefen auf Arbeit die Vorbereitungen auf Hochtouren. Mithilfe von Spendengeldern, war es der Schule möglich, die langersehnte Küche nicht zu renovieren, sondern ein eigenes Gebäude für diese zu bauen. Diese neue Küche soll heute bei einem feierlichen Event übergeben werden. Und zwar von niemand geringerem als dem Minister of Education of South Africa.

Letzten Freitag war der wohl längste Arbeitstag. Bis 19 00 haben wir alles geputzt, geschruppt. So ordentlich war alles selten, alles geplant, jeder wusste seine Position und Aufgabe für den Montag. Doch nach der Rede des Präsidenten und der Nachricht der vorzeitigen Schulschließung, sowie der Absagen sämtlicher künftiger Großveranstaltungen, kommt die Ministerin am Montagmorgen doch nicht. Dann machen wir eben unsere eigene Feier, nach all der Arbeit und Anspannung, die heute von uns abfällt. Und genauso wird es auch.

Auf dem Sportplatz steht ein riesiges Eventzelt, was nun mit den Schülern gefüllt wird. Geplant war ein Programm, der Auftritt des Chors, Reden von Schülern und jede Menge Musik, was jetzt die Schüler genießen. Alle tanzen ausgelassen, den heutigen Tag kann nichts ruinieren.

   

Und mittendrin ertönt immer wieder der Ruf "Number One". Die Schule ist die Nummer Eins, die neue Küche ist für alle und bietet ganz neue Möglichkeiten. Das wird in vollen Zügen gefeiert und genossen, mit Essen, musik und dem Lachen der Kinder und aller die, die so lange dafür gearbeitet, geplant und gehofft haben. Es tut so gur, ein Teil dieser Freude zu sein, auch wenn wir nicht explizit an diesem Projekt mitgearbeitet haben, sind wir heute ein Teil der Number One, Makgatho.

Und inmitten des Lachens, des Glücks und all der Dankbarkeit, vergesse ich sogar für einen Moment die Osrgen über eine mögliche baldige Abreise.

Tränen und Umarmungen

Sonntag, 15.03.2020

Heute ist meine Welt zusammen gebrochen. 

Ich war gerade unterwegs, gemeinsam mit meiner Gastschwester. Den Sonntagabend genießen, frei sein. Für 19 00 Uhr war eine Rede des Präsidenten, bezüglich der weltweiten kritischen Situation, aufgrund des sich rassant ausbreitenden Corona-Virus, angekündigt. Circa 3 Stunden später ist meine Stimmung im Eimer. Die Schulen sollen noch diese Woche geschlossen wwerden, ähnlich wie in Deutschland. Außerdem ist die erste E-Mail des Auswärtigen Amts eingetroffen, erste Hinweise zu der Situation und die Bitte zur dringenden Alarmbereitschaft. Nurr knappe 5 Minuten später trudeln die ersten besorgten Fragen aller Freiwilligen an Mentoren, Koordinatoren und die Organisation ein.

 Zunächst wird zur Rueh gemahnt, es geht um viele Hygienemaßnahmen, doch die Zahlen der Infizierten in Südafrika steigen rassant an. Außerdem drängt das Auswärtige Amt viele Entsendeorganisationen aufgrund der unklaren Sicherheitslage zur sofortigen Rückreise sämtlicher Freiwilliger auf der ganzen Welt. Zwei meiner Freunde, die mit AfS in Südafrika sind, teilen es uns am Montag Morgen mit. Dienstag Nachmittag wissen auch wir es, das Auswärtige Amt ordnet einen sofortigen Rückruf aller Freiwilligen an. Es geht für uns zurück nach Hause.

Die kommenden Tage sind komisch. Wir sind immer zusammen. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so merkwürdig gefühlt, irgendwie zerrissen. Wir müssen wirklich zurück nach Hause. Aber dafür eben auch unser jetziges Zuhause verlassen. Ich war selten so dankbar, eine handvoll Menschen um mich zu haben, wie in dieser letzten Woche. Uns allen geht es genau gleich. Die abwechselnden Stimmungen von Optimismus und Genuss der letzten Tage und dem spontanen Ausbrechen in Tränen, weil zufällig ein Lied läuft, zu dem wir auf dem letzten Roadtrip noch lauthals und bedingungslos glücklich gesungen haben. Ich bin einfach nur froh, dass mich jemand in den Arm nimmt. Oder mit mir eine Runde geht, wenn ich das Gefühl habe, sonst zu platzen. Schon krass, wie sehr einen Erfahrungen und Begegnungen als Gruppe zusammen wachsen lassen.

Es ist komisch, wie sehr man Dinge plötzlich zu schätzen weiß, wenn man plötzlich realisiert, wie schnell sie doch auch wieder zuende sein können. Atteridgeville kam mir noch nie so schön, so besonders, vielleicht bin ich auch einfach anders. Ich falle in viele Gewohnheiten zurück, bin sehr hektisch. Auch meine Gastfamilie hat sich, denke ich, viele Sorgen gemacht. Mit ihnen verbringe ich ganz besondere, zunächste letzte, Tage. Eigentlich machen wir nichts besonderes, raus gehen ist nun auch in Südafrika nicht länger erwünscht, aber es so viel wert, noch einmal mit meinen Gastgeschwistern im Hof zu kuscheln, Musik zu hören, mit meiner Gastmutter zu diskutieren oder zusammen ein Bier zu trinken.

Ich bin so traurig, über die Zeit, die jetzt nicht haben kann. Über all die Plätze, die ich innerhalb der nächsten fünf Monate nicht besuchen werde. Die Menschen, die ich nicht sehen werde, die Arbeit. Die Pläne, die nun nicht zur Wirklichkeit werden. Meine deutsche Familie hätte mich nur 2 Wochen später selbst besucht und ich hätten ihnen so gern alles gezeigt, was mir hier so wichtig ist.

Vor allem bin ich aber so dankbar für die letzten 6 1/2 Monate. Es ist nicht in Worte zu fassen, wie gut mir diese Zeit getan hat, deshalb schreie ich in meinem Kopf nur noch DANKE und genieße die letzten Tage in vollen zügen, mit all den Menschen, die ich hier so lieb gewonnen habe, meiner Familie. Zurück kommen kann ich immer.

Ich hoffe, dass ihr alle mit euren Lieben seid und euch gemeinsam durch diese schweren Zeiten helft.

Bis bald.

Fremd

Sonntag, 08.03.2020

Nicht jeder Tag ist ein Guter. Manchmal fühlt man eben, dass man vielleicht nicht zu 100 Prozent dazugehört, sondern aus einem anderen Teil der Welt kommt und anders tickt. Für mich ist dieses Gefühl schwer einzuordnen.

Nach einer Zeit von 6 Monaten bin ich hier zuhause. Aber Zuhause impliziert eben auch, dass Menschen dich verstehen, nicht nur innerhalb der eigenen vier Wände. Es impliziert, dass du mit der Masse der Menschen unausgesprochene Gemeinsamkeiten teilst, unausgesprochene Regeln befolgst, Verhaltensmuster. Mentalität. Ein so großes Wort, denn was ist Mentalität alles? Für mich ist Mentalität ein Teil der Persönlichkeit und deines Verhaltens, was du durch unbewusstes Beobachten und Nachahmen deines Umfelds erlernst. Doch das ist nur, deine eigene Mentalität, die Mentalität des Landes, in dem du lebst ist so viel mehr. Für mich spielt da das Lebens- und Sicherheitsgefühl, ebenso wie die soziale Situation und eben das System von Universalismus und Patikularismus hinein, worauf ich in einem anderen Blogeintrag schon eingegangen bin. Doch wie soll oder kann ich eine Mentalität denn verstehen, wenn ich von einem Ort komme, an dem die soziale Situation, die Sicherheit und eigentlich fast alle Strukturen für mich sicher und fest sind. Wie kann ich Dinge kopieren, Verhaltensmuster anpassen und diese Dinge auch noch toll finden, wenn der Grund des Verhaltens der Menschen eigentlich ein nicjt erstrebenswerter ist. Wie kann ich die Streetscene und die entspannte Einstellung der Menschen, sowie die Offenehit und Toleranz gegenüber jedem einzelnen Individuum so feiern, wenn gerade die Entspanntheit ein Ergebnis der weitreichenden Armut ist. Ganz einfach. Weil ich die Möglichkeit habe, es zu sehen. Weil ich das Glück hatte, in einem Land mit sicheren Strukturen geboren zu sein, was mir heute die Möglichkeit gibt, die Welt und all diese Ungerechtigkeit zu sehen.

So viel der Dinge, die ich bereits nach 25 Prozent meines Freiwilligendienstes als gut und besser betrachtet und empfunden habe, scheinen mir zurzeit zwar noch richtig, aber der Grund wie diese Verhaltensmuster zustande kommen, ist so eindrücklich, dass es doch sehr fake ist, ein Verhalten nachzuahmen, was einen solchen Ursprung hat. Oder ich lerne mich eben gerade selbst kennen und erkenne, welche Seiten von mir in einer Gesellschaft, die auf Leistung und Schnelligkeit getrimmt ist, unterdrückt ist. Man kann sich eben nicht nur die guten Dinge und Verhaltensweisen rauspicken und sich eine "perfekte" Mentalität kreieren. Die Mentalität kreiert sich selbst, aus dem was uns umgibt, die Art und Weise, wie Menschen mit uns interagieren. Und äußert sich eben in der African Time, der deutschen Pünktlichkeit und so viel anderer Dinge.

Und manche Dinge verstehe ich nicht ganz, möchte ich vielleicht auch nicht ganz verstehen, weil sie für mich einfach in dieser Form keinen Sinn ergeben. Ich habe mich schon oft aufgeregt, über langatmige Prozesse, Organisationen die sich in die Länge ziehen, oder einfach, wenn die Kopie, auf die ich seit 2 Stunden warte, 3 Wochen später immer noch nicht bei mir angekommen ist.

Dieses Thema ist so unendlich interessant, doch beschäftigt mich derzeit ebenso emotional. In einem Land zu leben, lässt mich meine eigene Mentalität infrage stellen, ich versuche sie zu bewerten. Bis zur Akzeptanz habe ich noch viel zu lernen. Doch das ist auch das Schöne daran. Das Land aus dem wir kommen, ist eben doch mehr, als nur ein Wort in unserem Pass. Es formt uns und unser Verhalten, kann aber auch bewusst von uns selbst geformt werden. Ich möchte mich mit ganz vielen verschiedenen Menschen und Mentalitäten umgeben, von denen ich lernen kann, die aber auch von mir lernen können.

Bis bald.

6/12

Samstag, 29.02.2020

Und schon sitzen wir wieder im Bus, lassen Mthatha und sechs Tage Zwischenseminar hinter uns und kehren zurück zum Alltag. Ich schaue stundenlang aus dem Fenster und beobachte die vorbeiziehenden Xhosa Häuser.
Nach der Wanderung und unserer Ankunft im Coffee Shack Backpacker, sowie mehrerer Tassen Kaffee und endlich, endlich einer Dusche, ist das Seminar natürlich noch nicht zu Ende. So schön es war, keine Themen durchkauen zu müssen, sondern mit allen Leuten zu sprechen und manchmal eben auch zu schweigen, weil mein Körper mit steilen Anstiegen und rutschigen Felsen beschäftigt war, desto wichtiger ist es jetzt, die verbliebenen Tage zu nutzen und über Dinge zu sprechen.
In Gruppen und jeweils mit einem uns nicht betreuenden Mentor bekommen wir die Möglichkeit, Probleme oder einfach Themen anzusprechen, die uns belasten und mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden. Somit können alle Mithörenden Vorschläge einbringen, wir coachen uns beinahe selbst. Mir wird noch einmal bewusst, wie unterschiedlich unsere Jahre sind. Wir sind ein Jahr in Südafrika, haben zusammen begonnen und gehen gemeinsam wieder, aber was wir erleben unterscheidet sich so stark von einander, dass es auch verschiedene Länder sein könnten. Auch wie sehr wir uns alle bereits entwickelt haben und welche Veränderung die Umgebung in uns allen auslöst, wird mir noch deutlich bewusster. Obwohl ich die meisten dieser Menschen eine lange Zeit nicht gesehen habe, fällt es leicht, offen und ehrlich über Probleme zu reden, aber auch höre ich interessiert zu. Ich bin sehr dankbar, Teil einer solchen Gruppe sein zu dürfen, in der viel Akzeptanz und Offenheit, gleichzeitig aber eine einheitlich positive und optimistische Grundeinstellung herrscht. Und genau diese Grundeinstellung lässt uns den Fokus von unseren Problemen und Unannehmlichkeiten zu der positiven Seite wenden, ohne sie zu vergessen. Wir sind schon 6 Monate hier und es ist bei allen so viel passiert.
Wir reden viel über Nachhaltigkeit für unser eigenes Projekt, sowie die eigene Rolle des Freiwilligen. Am interessantesten ist für mich das interkulturelle Training. Eigentlich sind nicht besonders viele neue Informationen dabei, aber Verhaltensmustern in der menschlichen Interaktion mit einem theoretischen Begriff zu versehen und einfach Worte für das zu finden, was ich tagtäglich wahrnehme und sowohl zu schätzen weiß, als auch in Frage stelle, gibt mir das Gefühl, ein wenig besser verstehen zu können, wie eine Vielzahl der Menschen tickt. Betrachtet werden dabei beispielsweise der Universalismus und der Patikularismus, wobei der Universalismus eine Person beschreibt, deren Verhalten mit einem grundlegenden Glaube und Vertrauen an eine gesetzgebende Gleichberechtigung verbunden ist. Dieses Verhaltensmuster und die damit verbundenen Aktionen sind häufig bei Menschen zu finden, die in einem Rechtsstaat aufgewachsen sind, wie beispielsweise in Deutschland. Auf der anderen Seite gibt es den Patikularismus, bei dem eher die zwischenmenschliche Beziehung im Mittelpunkt steht. Dies impliziert auch, dass Regeln zwar allgemein geltend sind, aber in jeglichen Situationen die persönliche Ebene einbezogen werden muss. Dies ist eher bei Menschen aus dem globalen Süden anzutreffen. Natürlich ist dies kein allgemein gültiges Raster, sondern kann von Person zu Person unterschiedlich sein. Lediglich eine Tendenz ist festzustellen. Meiner Meinung nach tragen die Persönlichkeitstypen und wir diese geballt vorkommen, einen entscheidenden Teil zur gesellschaftlichen Struktur bei. Ich stelle mir häufig die Frage, was genau nun die bessere und gesündere Gesellschaft sei. So viele Dinge, die ich an der südafrikanischen Lebensweise zu schätzen weiß, wären in einer deutschen Gesellschaftsstruktur unvorstellbar und anders herum ist es ähnlich.
Das Thema interessiert mich so sehr, dass ich es für eine mögliche Zukunftsplanung in Betracht ziehe.
Die Frage, die uns alle aber viel mehr beschäftigt, ist eigentlich sehr einfach, bis wir uns sie alle bewusst stellen sollen: Was ist dein Ziel für die nächsten 6 Monate?
Solche Fragen haben mir schon immer Spaß gemacht und es ist wirklich gut sich diese Frage zu stellen, allein wäre ich da gar nicht drauf gekommen. Welche Antwort ich für mich gefunden habe, werde ich hier nicht schreiben, es ist sehr persönlich. Somit komme ich mir selbst wieder ein Stück näher.
Obwohl ich in 6 Tagen Zwischenseminar kein einziges Mal allein bin, habe ich ganz neue Seiten am mir kennen gelernt. Und vor allem weiß ich jeden einzelnen unserer Gruppe so sehr zu schätzen. Diese Woche ist zweifellos eine der schönsten Erlebnisse in meinem bisher noch recht kurzen Leben gewesen.
Danke, Leute❤

Von Bulungula nach Coffee Bay

Samstag, 29.02.2020

Das Zwischenseminar steht an und somit geht es an einem warmen Samstagnachmittag los in Richtung Eastern Cape, eine bisher von mir unbereiste Provinz. Ich kann es noch gar nicht fassen, dass schon Halbzeit sein soll, freue mich aber auf eine Auszeit und vor allem darauf, meine Mitfreiwilligen alle versammelt wieder zu sehen.

Sonntag.
Nach 14 Stunden Busfahrt kommen wir endlich im Mthatha im Eastern Cape an. Geschlafen hat von uns keiner. Es sieht alles sehr verlassen und verschlafen aus und ehrlich gesagt fühlen wir uns in unserer Gruppe von 7 Freiwilligen aus Gauteng, voll bepackt und verschlafen, gar nicht mal so sicher. Es ist auch erst 6 30, aber wir haben so einiges vor. Nach ein paar Komplikationen und einem kleinen Fußmarsch unsererseits weg vom eigentlichen Treffpunkt und Richtung Innenstadt, die auch nicht besonders sicher wirkt, haben wir Glück und werden von einem unserer Kontaktpersonen entdeckt. Wir müssen sehr verloren aussehen, 7 Weiße am frühen Morgen in einer Kleinstadt, niemand kennt den Weg, alle haben Hunger und wir sprechen auch die Sprache nicht. Schließlich sitzen wir jedoch im Minibus, unsere Fahrer haben uns aufgesammelt. Ausgegangen wird von einer Autofahrt von etwa 1.5 Stunden, letzendlich sind es 6.
Im Rahmen des Zwischenseminars steht eine Wanderung entlang der Wild Coast an und Ausgangspunkt dieser Wanderung, und auch Treffpunkt der gesamten Gruppe Freiwilliger, ist die Bulungula Lodge. Doch der Weg dahin ist steinig ;) Tatsächlich sind die Straßen in keinem guten Zustand, eigentlich verdienen sie den Namen “Straße” gar nicht. Es sind vielmehr Feldwege. Jedoch müssen wir irgendwie zur Lodge kommen und laufen würde in der Hitze mich erstens umbringen und zweitens wäre es viel zu weit. Der Weg ist ein Abenteuer an sich. Unterwegs fällt Wein platter Reifen auf, dessen Wechsel zu einer Verzögerung führt. Später wird klar, dass nicht nur ein Reifen platt ist. Trotzdem fahren wir durch Gräben, bei denen ich jedes Mal Angst habe, dass das Auto stecken bleibt. Am besten ist eine Brücke ohne Geländer, die mit einer riesigen Pfütze bedeckt ist. Unterwegs werden noch ein paar Drinks aufgetrieben und nach 1 bis 18 Bier kommen wir gut gelaunt in Bulungula an.

Montag.
Am späten Abend sind die Anderen, nach ähnlicher Anreise wie unserer, doch noch eingetroffen, die Wiedersehensfreude ist groß. Am Lagerfeuer werden Geschichten erzählt und die Location bestaunt, in der wir uns hier befinden. Die Bulungula Lodge ist zweifelsohne an einem der paradiesischsten Orte überhaupt. Zudem ist die Lodge komplett nach lokaler Kultur gerichtet. Das besondere ist, dass die Lodge auch Eigentum des Nqileni Dorfes ist, einer Xhosa-community. Somit ist die Lodge nach dem kulturellen Leben gerichtet und die Community mit eingebunden, was zu einem Interesse der Community am Erhalt der Lodge führt, da die Xhosa Menschen auch in der Lodge arbeiten. Vom traditionellen Essen bis angebotenem Pferdereiten am nicht einmal 100 Mdte entfernten Strand, die Community trägt dazu bei. Außerdem ist die Lodge recht autark, Solarenergie für Strom, Wasserbezug aus einer eigenen Quelle, “Rocket"-Hot-Water Showers und sogar umweltfreundliche Toiletten, die das Kompostieren erleichtern. Und all das, eingebunden in die lokale Community und Traditionen der Xhosa. Das Volk der Xhosa lebt, zwar mittlerweile verteilt, aber dennoch größtenteils im Eastern Cape in eigenen, teils abgeschiedenen Siedlungen, welche eine enorme Ausdehnung haben. Dies haben wir bereits bei unserer waghalsigen Fahrt zur Bulungula Lodge gesehen. Die Siedlungen werden von Personen aus ihrem Kreis verwaltet, wobei es auch sogenannte Chiefs gibt, die bis zu vierzig Siedlungen verwalten und damit ein enormes Gebiet abdecken. Durch Zuschüsse von der Regierung, komnte in den Siedlungen eine Strom- und Wasserversorgung etabliert werden, jedoch trifft dies nicht auf alle zu und ist längst nicht ausreichend. Somit sind viele Siedlungen von Unterstützung durch die Regierung abgeschnitten.
Die Landschaft ist gezeichnet mit den traditionellen Häusern, einstöckige Rundbauten mit spitzen Strohdächern, häufig bunt bemalt. In solchen Häusern sind wir für zwei Nächte untergebracht und ich glaube, ich habe noch nie so gut geschlafen.


Jetzt, wo alle da sind, kann das Seminar beginnen. In einer Laube im Garten stellt jeder sein Projekt vor und bewertet Aspekte wie das eigene Sozialleben, die Arbeitsbedingungen und die Unterkunft. Auffällig ist dabei, dass wir alle sehr optimistisch an die jeweiligen Situationen heran gehen, obwohl bei einigen auch Probleme auftauchen. Es ist sehr schön, endlich einmal ausführlich über jedes Projekt zu erfahren und ich bin noch einmal bestärkt und froh darüber, in Gauteng gelandet zu sein. In den Pausen gehen wir schwimmen im Meer, liegen in der Hängematte oder chillen in der Laune, die meiner Meinung nach aussieht, wie eine Meditationsoase. Oder eben ein Ort für Stammesversammlungen. Zu essen gibt es vor allem das Xhosa Brot, ein gedämpftes Brot. Das wird uns die kommenden Tage noch öfter begleiten.

Dienstag.
Endlich brechen wir auf. So schwer es auch fällt, die Bulungula Lodge wieder zu verlassen, desto mehr freue ich mich aber auf die kommenden Tage. Der Plan ist, von Bulungula aus in drei Etappen bis zur Coffee Bay zu laufen und unterwegs in Dörfern unter zu kommen. Entlang geht es an der Küste, rauf und runter, die ganze Zeit. Häufig stelle ich mir die Frage, ob wir überhaupt auf einem Weg sind, aber unser Guide ist zuversichtlich. Er ist in Badelatschen unterwegs, und ich ärgere mich keine Wanderschuhe zu haben. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mir die Strecke einiges abverlangt. Der rapide Wechsel zwischen steilem Anstieg und ebenso starkem Abfall, gepaart mit glitschigen Steinen und Strandwalks sind sehr anstrengend. Und so belebend. Einen Teil der Strcke laufe ich barfuß, kletter über Steine und stapfen durchs hohe Gras. An der Küste gibt es sehr viele Kühe, auf die wir immer wieder treffen. Auch ein Hund schließt sich uns an, er wird uns bis nach Coffee Bay begleiten. Zu der körperlichen Anstrengung kommt ein Mangel an Proviant und eine 0.75 Liter Flasche Wasser. Mehr braucht man ja auch nicht. Nach, nicht wie geplanten 4 Stunden, sondern 8 Stunden treffen wir erschöpft und glücklich im ersten Dorf ein. Es ist schon beinahe dunkel. Nach einer kalten Dusche sitzen wir am Lagerfeuer und essen Xhosa Brot und gegrillten Mais. Unsere Handys sind nach und nach ausgegangen, Strom gibt es keinen. Über uns ist der klarste Sternenhimmel, den ich je gesehen habe. Sogar die Milchstraße sehe. Einige von uns schlafen unter freiem Himmel, ich schlafe am Feuer ein.


Mittwoch.
Neuer Tag, neue Wanderung. Heute wird unser Gepäck gefahren, was eine extreme Entlastung ist. Gestern mussten wir an einer Stelle anhalten, weil wir durch Zeitverzögerung die Flut erwischt hatten. Wenn die jemand sagt, dass du jetzt deinen Rucksack auf den Kopf nimmst und durch ein brusthohes Wasser waten musst, schluckst du erstmal. Und dann läufst du halt los, denn Umkehren ist halt keine Option. Ein wenig Sorgen mache ich mir um mein Handy, Pass, Kreditkarte, die ich in einem schweren Rucksack mit Gepäck für eine Woche auf meinem Kopf balanciere, während mich eine Welle von der Seite trifft. Wir haben ein Strahlen im Gesicht. Ich war noch nie so lebendig.

Ohen Gepäck folgt nun der zweite Weg, kürzer an sich, jedoch mehr Berge, mehr Ups and Downs. Diesmal haben wir aber einige Punkte zum Anlaufen. Das erste Ziel ist das Hole in the Wall, ein naturgeschaffenes Loch in einer Felswand, von dessen Klippen manche in das tosende Wasser springen. Ich traue mir das nicht, habe auch schon wieder Sonnenbrand und bin körperlich sehr gefordert. Am Hole in the Wall verletze ich mir auch mein Knie. Das merke ich aber erst am Abend, nach weiteren 6 Stunden Wanderung. So anstrengend es auch ist, wenn ich über einem Wasserfall stehe, der unter mir tosend in die Tiefe stürzt, dann hat sich alle Anstrengung gelohnt. Die Wild Coast ist ein magischer, wunderschöner Ort. Ich sauge alles auf, habe das Gefühl besser atmen zu können. Im zweiten Xhosa Dorf ist das Wasser ausgefallen. 15 Leute schlafen in einer Hütte von 20 Quadratmetern. Ich bin Teil davon. Niemand kann duschen, aber Bier kann man überall auftreiben. Am Mittwochabend gewittert es über den Hügeln und regnet in Strömen. Es gibt Xhosa Brot.

Donnerstag.
Es ist nicht mehr weit, doch da es letzte Nacht so viel geregnet hat, brauchen wir noch einmal 2 Stunden bis wir in Coffee Bay ankommen. Über Flüsse, durch Pfützen. Schlammverschmiert und nass kommen wir schließlich in Coffee Shack an, dem Backpacker in der Coffee Bay, auf den wir uns seit Tagen freuen. Auch auf das Essen, denn mein Bauch macht mir nach all dem Xhosa Brot ein paar Probleme. Zu Coffee Shack fällt mir nur ein Wort ein: Paradies. Es ist so unbezahlbar, im Freien zu sitzen, unter einem Strohdach, umgeben von Hängematten und Pflanzen des tropischen Regenwaldes. Der Backpacker ist zu dem sehr international, wie treffen auf andere Deutsche, Engländer, Franzosen. Hier verbringen wir die letzten zwei Seminartage, spielen Pool Billard, Gespräche über unser Leben in Südafrika. 25 junge Menschen, die für ein Jahr dasselbe fühlen. Nach drei Tagen im Backpacker sind wir bereits Teil der Familie, man kennt meinen Namen beim Essen. Und an der Bar;) Wir versprechen wieder zu kommen. Jetzt sitze ich im Bus, in 2 Stunden steige ich in Pretoria wieder aus. Ich lächel noch immer.

Junge Menschen und meine Zukunft

Montag, 17.02.2020

Obwohl ich jeden Tag hier genieße und meinen Platz gefunden habe, sind meine Tage in Südafrika zunächst einmal gezählt. Am 3. September 2020 geht mein Flug zurück nach Hause und somit wird ein weiterer Lebensabschnitt starten. Das wird auf keinen Fall mein letzter Aufenthalt in Südafrika gewesen sein. Und dennoch muss ich mich damit auseinander setzen, was passiert, wenn ich in Deutschland lande und weit weg von meinem zweiten Zuhause bin.
Ich war nie eine Person, die gerne und frühzeitig plant, erst recht nicht, wenn es um Entscheidungen geht. Um ein wenig Inspiration und vielleicht auch neue Motivation zu schöpfen, haben wir uns die Universität in Pretoria mal angeschaut. Ein Ausflug, der schon länger geplant war. Und sich definitiv gelohnt hat.
Die Universität ist ein riesiger Komplex im Stadtteil "Hatfield", so viel größer als beispielsweise die Universität in Leipzig, für die ich mich lange interessiert habe. Verteilt auf sieben Orte in und um Pretoria, spezialisieren sich die einzelnen Fakultäten auf unterschiedliche Bereiche. Der Hatfield Campus ist der größte und beherbergt die naturwissenschaftliche Fakultät.
Ich kann wirklich nur sagen, dass die Uni sehr schön und gut ausgestattet ist. Der eigentliche Punkt dabei ist jedoch, dass ich bis dahin nicht ernsthaft darüber nachgedacht hatte, überhaupt im Ausland zu studieren. Ein Auslandssemester schon, aber hauptsächlich im Ausland? Und vielleicht sogar in Südafrika? Es scheint ein riesiger Schritt zu sein, aber zeigt eigentlich nur, wie weit die Welt ist und welche Möglichkeiten existieren. Wir können alles tun, was wir wollen und vor allem wo auch immer wir hinmöchten.

Zwei Stunden auf dem Campus reichen, um eine weitere Seite von Südafrika und Pretoria zu entdecken. So viele junge Menschen, alle verbunden durch ihren Drang nach Bildung. Die Uni ist sehr international und unterscheidet sich nicht von einem europäischen Campus. Und diese multikulturelle Umgebung und das Beobachten all der Studenten, die dort täglich ein und aus gehen, lässt mich ganz viel Vorfreude verspüren. Wie bereits gesagt, drücke ich mich gern vor anstehenden Entscheidungen, aber Zukunftsplanung, gegebenfalls Studienwahl und Beschäftigung mit meinen Interessen ist neben all den Erfahrungen, die ich hier sammel, eben auch eine Aufgabe, um nach dem Jahr nicht perspektivlos zu sein. Bis jetzt hat mir die Frage nach explizit meiner Zukunft sehr gestresst, aber jetzt freue ich mich sogar darauf, einer Antwort Stück für Stück näher zu kommen und somit auch einen Teil von mir noch besser kennen zu lernen.

Der Besuch der Universität beschäftigt mich allerdings nicht nur wegen meiner eigenen Zukunft. Vor allem zeigt es mir eine neue Seite von Südafrika und wie nah diese nebeneinander existieren. Wir sind nur 19 Jahre alt und haben die Möglichkeit mit lauter Musik in unserem Mietwagen zu fahren wohin wir wollen und die multikulturelle Hochburg der Bildung zu erkunden und uns schließlich irgenwann zu entscheiden auf welchem Kontinent, in welchem Land, in welcher Sprache, in welchem Fach wir uns weiterbilden wollen. Aber trotzdem fahren wir wieder durch die Innenstadt und zurück nach Atteridgeville. Mir fallen zum ersten Mal die Wellblechhütten am Straßenrand auf. Nicht wirklich zum ersten Mal, aber jetzt wir es mir noch bewusster, dass dort Menschen leben, die eben solche Möglichkeiten nicht haben und auch niemals haben werden. Es ist alles so nah beieinander und dennoch könnte der Unterschied nicht gravierender sein. Und mittendrin die Universität, deren Innenleben allein von einen Riesenunterschied zu der Straße davor darstellt

Von Löwen und Bergen

Sonntag, 16.02.2020

Dann mieten wir halt mal ein Auto für 3 Wochen und unternehmen ganz viel. Nicht ganz. Bei viel Arbeit, täglichem Fitnessstudiobesuch, definitiv Koffeinmissbrauch und nochmal viel Arbeit gar nicht mal so einfach. Wir hatten geplant jedes Wochenende weiter weg zu fahren, Atteridgeville zu erkunden, Abends wegzugehen und Pretoria unsicher zu machen. Geschafft haben wir ein Wochenende in Johannesburg und einen Wochenendsausflug, der war aber dafür umso schöner. Zunächst haben wir unsere Freunde aus Atteridgeville auf dem Weg in Sandton abgesetzt, da ihr Zwischenseminar bereits diese Woche stattfindet. Am Samstag haben wir sie direkt wieder abgeholt, denn Safari gibt es nie genug. Ich könnte stundenlang einfach nur in die Wildnis starren, nach wilden Tierme Ausschau halten. Man ist die ganze Zeit beschäftigt und konzentriert obwohl wir ja eigentlich nur im Auto sitzen. Diesmal ging es in den Lion’s and Safari Park. Tatsächlich bin ich dort schon auf meinen Weg in den Pilanesberg Nationalpark vorbei gekommen. Aber diesmal ging es wirklich rein.
Der Löwenpark beherbergt weiße und braune Löwen, Hyänen, Wildhunde und Giraffen. Sicherlich auch noch weitere pflanzenfressende Tiere, die uns jedoch verborgen blieben. Das Highlight waren aber ohnehin die Löwen. Ich muss schon sagen, dass der Löwe nach meiner König – der – Löwen – geprägten Kindheit wahrscheinlich schon immer mein Lieblingstier war, aber jetzt ist mir erst klar geworden, wie schön diese Tiere sind. Den Respekt und die natürliche Schönheit, die dieses Tier ausstrahlt ist mit nichts vergleichbar, genau wie das Gefühl, wenn dieses große mächtige Tier zwei Meter vor deinem Auto gemütlich entlang stolziert oder dir direkt in die Augen sieht. Zwar durch eine Autoscheibe, aber diese Gänsehaut hat gute 5 Minuten angehalten.
Der Park ist kein üblicher Nationalpark, sondern verfügt über einzelne gehegeartige Bereiche, getrennt durch Gates, fast wie in einem Zoo, nur größer und eben nicht durch dicke Glasscheiben und Elektrozäune vom Besucher getrennt, sondern nur durch deine eigene Autotür. An allen Gates sind eindrückliche Warnungen, die Türen und Fenster stets geschlossen und verriegelt zu halten, eine Regel die unbedingt von uns gebrochen werden muss. Nur wegen der Fotoqualität, denn durch die Scheibe zu fotografieren macht ja gar keinen Spaß.
Im nächsten Bereich hat das nächste Abenteuer gewartet. Peter, eine von uns getaufte Giraffe, die sich für gute 10 Minuten von nichts und niemandem aus der Ruhe bringen ließ und gemütlich im eigenen Schritttempo ihren Weg fortsetzte. Vor unserem Auto. Da ich ein geduldiger und zuvorkommender Fahrer bin, habe ich selbstverständlich keine waghalsigen Überholmanöver versucht, bis ein Ranger uns schließlich das Signal zum Weiterfahren gegeben hat und ich Peter mit einem Abstand von bestimmt 30 cm überholt und hinter uns gelassen habe. Ich hätte nur die Hand ausstrecken müssen.

Wie groß diese Tiere sind, hat mich so sehr erstaunt, obwohl ich dies eigentlich weiß. Aber wenn neben deiner Autoscheibe nur Bein zu sehen ist, überdenkst du das nochmal. Diese Tiere sind wirklich groß. Und wunderschön. Ich bin immer wieder aufs neue fasziniert, was die Natur hervorbringt. Überhaupt muss ich sagen, dass ich erst in Südafrika wieder zu schätzen lerne, wie schön die Natur ist, die mich umgibt ich mich auch viel mehr entspanne und dies genießen kann. Obwohl ich nicht in einer Stadt aufgewachsen bin. Wir haben Peter bald wieder verlassen und sind zurück nach Johannesburg gefahren. Doch am Sonntag ging es wieder los, leider ein wenig später als erwartet.
Geplant war ein Campingwochenende mit Wanderung, doch da uns die essentielle Sache für da Campen leider fehlt, ein intaktes Zelt für 5 Personen, mussten wir uns mit der Wanderung zufrieden geben. Was heißt eigentlich zufrieden geben? Es war wunderschön. Wir sind gegen 14 00 in Magaliesburg angekommen, ich hatte es mir als Kleinstadt vorgestellt, doch wir waren außerhalb, im Rustig Nationalpark. Wieder einmal bin ich einfach nur froh, dass unsere Autoreifen danach noch intakt sind, diese Menge an Schlaglöchern ist einfach nicht gesund, für kein Auto der Welt und es ist ja auch nicht so, als hätten wir einen geeigneten Geländewagen gemietet. Einen kleinen Suzuki haben wir und zum Glück lebt er noch. Mit 14 00 wären die Hiking Trails seit 2 Stunden geschlossen. Aber zu unserem Glück wurde dies nicht so ernst genommen und wir durften noch eine Wanderung beginnen mit dem Versprechen bis 16 00 zurück zu sein. Das haben wir natürlich nicht geschafft.
Ich würde sagen, dass ich wirklich viel mit meiner Familie in Deutschland, Österreich und auf Korsika wandern war. Aber einen solchen Wanderweg bin ich noch nie gegangen. Es gibt Leitern, mit denen Stromzäune überwunden werden müssen. Ich glaube nicht, dass dort tatsächlich Strom fließt aber ausprobiert habe ich das nicht. Diese Leitern sind übrigens auf Wiesen, Felsen, im Dickicht. Krumm und trotzdem sehr stabil. Der Wanderweg war nur 5 km lang und wir hatten knappe 2 Stunden Zeit.

Allerdings ging es auch up and down, steile Anstiege und gefühlt schon rutschenähnliche Abstiege. Wir haben den Weg mehr als nur einmal verloren und spontan wieder gefunden. Müde und kaputt, verschwitzt und hungrig und mit einem Lächeln im Gesicht sind wir mit 15 Minuten Verspätung wieder beim Ausgangspunkt angekommen. Meine Beine haben gezittert und obwohl der Park schon geschlossen hatte, durften wir noch in den Pool springen. Mit Klamotten ins Wasser und dann ab nach Hause. Ein Grinsen auf den Lippen.

Back to Normal

Samstag, 25.01.2020

Nach 6 Wochen Reisen beginnt der Alltag erneuert und obwohl die letzten Wochen heftig toll waren, bin ich irgendwie auch froh darüber. Routine, Alltag, Arbeit. Aufstehen, Sport. Los geht es damit, dass wir unseren ersten Arbeitstag verpennen. Waren uns so sicher, dass die Schule erst Mittwoch beginnt. Das tut sie auch, aber nur für die Schüler. Niemand hat uns Bescheid gesagt und so kommen wir erst am Dienstag. Ich bin echt froh da Kollegium wieder zu sehen. Vor allem die Lehrer, die enger mit uns zusammen arbeiten. Diese sind auch froh uns wieder im Team zu haben, denn es gibt viel zu tun in zu wenig Zeit.
Während ich bis jetzt den Großteil der Lehrer als relativ entspannt wahrgenommen habe, ändert sich die Atmosphäre in den nächsten 3 Wochen. Dies liegt an zwei neuen Klassenräumen, die über den Sommer fertig gestellt worden sind. In 3 Wochen kommen Vertreter des Departments of Education und dafür muss alles perfekt sein. Jeder Klassenraum wird dekoriert, gestaltet, auf Vordermann gebracht. Wir selbst räumen die Bibliothek um und kreieren einen eigenen Lesebereich, getrennt von Tischen, an denen die Kinder arbeiten können. Aber wir sind noch für so viel mehr zuständig. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Stunden ich damit verbracht habe Grafiken, Buchstabenkarten und Wochentage zu laminieren. Pro Tag bis zu vier Stunden. Wir sind müde. Ich ernähre mich von Kaffee. Hinzu kommt, dass ich nicht gut schlafe. Mir geht zu viel durch den Kopf. Wir sind immer verfügbar, nehmen alle Bitten an. Nach den drei Wochen bin ich fix und fertig. Nebenbei beginnen wir unsere Soul Buddyz Projekte, deren Planung seit Anfang Dezember steht. Zunächst etwas holprig, aber bereist nach 2 Wochen kenne ich die Kinder in meinem Club besser und wir haben Spaß als Team.

Und langsam wird es wieder besser. Die Herren vom Departement of Education kommen und die Eröffnung der gut geschmückten Klassenräume ist ein voller Erfolg. Und endlich kann die Routine wieder beginnen. Die Kinder kommen wieder in die Bibliothek und zugegeben ist es schwer, wieder in den altem Rhythmus zu kommen. Aber es wird von Tag zu Tag besser. Mein Stolz und meine Motivation sind die Soul Buddyz, die mit wirklich Freude machen. Diese Kinder stecken so voller Motivation und Potenzial. Nach jeder Stunde tanzen sie ausgelassen und wenn ich die Musik anmachen und sie einfach Spaß haben, dann muss ich einfach lächeln, weil es so schön ist ihnen zuzusehen. Ich möchte den Kindern so viel wie möglich geben , damit ihr Potenzial nicht vergeudet wird.
Nach unserem Besuch in Kapstadt hat sich jedoch etwa verändert. Wahrscheinlich sind wir selbst es. Mir fallen plötzlich viel mehr die Ungleichheiten auf. Allein in der Schule ist der Unterschied zwischen den Kindern bereits gravierend. Einige kommen mit gebügelten Uniformen, manche haben durchlöcherte Schuhe. In de Straße ist es nicht anders. Ich nehme viele Menschen anders war und ich meine auch, dass wir wieder mehr auffallen. In einer Zeit, in der ich selbst gestresst bin, nerven mich die Blicke und das ungläubige Lachen der Menschen, wenn ich sie auf Sepedi grüße. Ich finde es schade, als so anders gesehen zu werden. Auch wenn die Individuen ja nichts dafür können.
Ich fange an ein Buch zu lesen, „Südafrika-Ein Länderporträt", indem ein Mann, der aus Deutschland kommt beschreibt, wie er sein Leben in Südafrika führt. Ein Satz geht mir nicht mehr aus dem Kopf. „Als Weißer in Südafrika zu leben, bedeutet ständig ein schlechtes Gewissen zu haben". Und das beschreibt genau, was ich zurzeit fühle. Es ist unfair, dass einige Kinder zuhause kein Essen bekommen. Es ist unfair, dass die Menschen ohne Job und Existenzgrundlage ihr Dasein fristen und an Ampeln um 1 Rand Stücke betteln, was für mich 6 Cent sind. Es ist unfair, dass alles was für mich so selbstverständlich ist, für so viele unerreichbar ist. Essen, Bidlung, ärztliche Behandlung. Die Welt ist unfair, und vor allem die Kinder verdienen Es, alle Möglichkeiten der Welt offen zu haben. Das betrübt mich.